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KÜNSTLER
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katalog 'Urbane Rituale, Der Klangkünstler Christof Schläger'
IV. Komposition

Christof Schläger ließ sich musikalisch nicht nur von der Geräuschhaftigkeit der modernen Welt inspirieren, sondern auch von der Arbeit zeitgenössischer Künstler und Komponisten. Ihn fasziniert das Werk von Conlon Nancarrow, der mechanische Klaviere benutzte, um mit ihnen rasend schnelle, hochkomplexe rhythmische Strukturen zum Klingen zu bringen. Ebenso begeisterte ihn Mauricio Kagels Konzept des instrumentalen Theaters, bei dem die Aktion des Musizierens als szenisches Element im Vordergrund steht. Bereits 1972 erwarb Schläger eine Schallplatte mit Stücken von Luc Ferrari, der mit Aufnahmen unterschiedlicher Geräuschwelten komponierte. Mit Ferrari realisierte Schläger 2003 ein Konzert in Herne. Auch die Installationen des Künstlers Trim- pin mit selbst entworfenen Klangerzeugern sowie die farbenprächtigen, kinetischen Maschinen Jean Tinguelys hatten Einfluss auf Christof Schlägers Arbeit. Diese Kunst-Phänomene empfindet er als eine geistige Wolke, die ihn vorangetrieben und sein Komponieren beeinflusst habe.


Komposition Skizze v.l.n.r.: 'Planetengetriebe', 'Perlenkette' und 'Häuser'

Schlägers Kompositionen zeichnen sich vordergründig durch eine prägnant perkussive Note aus. Sie unterstützt die technische Anmutung des Klangs, zitiert Maschinenrhythmen, geht jedoch weit darüber hinaus. Seinen Ursprung hat diese Geste in der minimal music, zu der der Künstler ebenfalls große Affinität verspürt. Repetitionsstrukturen beherrschen dort die Musik. Sie werden exponiert und meist schnittartig gereiht. Manchmal erzeugen kleine Variationen in ihrem Innern kleinere Veränderungen, die zu neuen Kombinationen und Abläufen führen. Vieles davon erinnert auch an Gestaltungsprinzipien von Musikstilen wie HipHop oder Techno, wo einzelne Klangelemente gereiht und geschichtet werden und sich daraus mehr oder weniger komplexe, rhythmisch verschränkte Klangarchitekturen ergeben.

Christof Schläger verwendet zu Generierung solch komplexer Reihungen und Schichtungen grafische Modelle. Zum Beispiel zeichnete er eine Serie unterschiedlich großer Walzen, die mit Mustern bemalt sind und sich gegen einander drehen. Dabei kehren die Muster immer wieder, jedoch in stets neuen Kombinationen. Andere Zeichnungen zeigen unterschiedlich große, mit Symbolen versehene Zahnräder. Sie greifen in verschiedenen Anordnungen ineinander und erzeugen ebenfalls komplexe, sich stets verändernde Strukturen der Symbole.


Komposition Skizze v.l.n.r.: 'Gebetsmühlen', und 'Paternosterhaus'

Noch diffiziler wurde es 2007, als Schläger begann, mit Schiffshörnern in Außenräumen zu arbeiten und mit ihnen Quadratkilometer große Landschafts-Areale zu bespielen. Schläger platziert mehrere Schiffshorn-Gruppen weit auseinander oder kombiniert feste Standorte mit beweglichen Positionen auf Zügen oder Schiffen. Wegen der geringen Schallgeschwindigkeit von 343,46 Meter pro Sekunde bei 20° Celsius in normaler Luft kommt so die Zeit ins Spiel. Es vergehen eine halbe, eine oder zwei Sekunden, bis der Schall einer Schiffshorn-Gruppe den Zuhörer erreicht, wohingegen die Töne anderer Gruppen früher ankommen. An verschiedenen Orten des Aufführungs-Areals vermischen sich somit die Tonfolgen der Schiffshorngruppen auf verschiedene Weise, und welche Ton- und Klangkombinationen zu hören sind, hängt vom Standpunkt des Hörers ab. Außerdem bricht sich der Schall auch an Landschaftsmarken, an hohen Gebäuden etwa, und erreicht von diesen reflektiert den Hörer. Nicht nur die Klangquellen, die der Künstler im Landschaftsraum postiert, tragen zum entstehenden Stück bei, sondern auch Elemente des Raum selbst. Diese Musik hat eine dreidimensionale Anmutung, allein schon durch die Tatsache, dass die Klänge den Hörer aus sehr verschiedenen Richtungen erreichen. Die fein verwobene Klangarchitektur, die in den Außenräumen entsteht, wölbt sich als akustisches Ambiente über die Landschaft und korrespondiert mit den dort üblicherweise klingenden Geräuschen. Denn diese können ja nicht ausgeschaltet werden, sondern gehören integrativ zur Landschaft.

Quelle: Urbane Rituale, Der Klangkünstler Christof Schläger. Verlag Hanno Ehrler, 2016

 
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