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KÜNSTLER
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katalog 'Urbane Rituale, Der Klangkünstler Christof Schläger'
III. Geräusch

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch wurde auch der rohe Klang der Welt musikfähiges Material. Anteil daran hatten die Entstehung der elektronischen Musik, das Konzept der musique concrète, die Entwicklung von geräuscherzeugenden Spieltechniken auf den klassischen Instrumenten und kompositorische Theorien und Konzepte, etwa John Cages Postulat, alles Klingende, gleich welcher Provenienz, sei musik- beziehungsweise kunstfähig.

Der wesentliche Unterschied zwischen beidem, zwischen den Tönen, die den hochkultivierten Instrumenten entströmen, und den unharmonischen, oft unerwünschten und störenden Geräuschen des Alltags ist die Systematisierbarkeit. Die musikalische Tradition formulierte Tonsysteme, bei denen jedem Ton beziehungsweise jeder Tonhöhe ein genau definierter und mit einem bestimmten Sinn versehener Platz zugeordnet wurde, unabhängig vom Instrument und letztlich unabhängig vom konkreten Klang. Musikalischer Sinn definiert sich durch in diesem Sinne abstrakte melodische (horizontale) und harmonische (vertikale) Tonhöhenbeziehungen. Der Parameter Klangfarbe spielt in der abendländischen Musik eine nur untergeordnete Rolle. Hingegen beherrscht er das Wesen des Geräuschs, denn dieses definiert sich hauptsächlich aus seiner Klangcharakteristik. Während aber Tonsysteme wie die zwölftönige temperierte Skala mit ihren Intervallbezügen systematisch beschrieben werden können, ist das mit den Klangwerten der Geräusche kaum möglich. Im 1966 veröffentlichten „Traité des objets musicaux“ hatte der französische Komponist und Begründer der musique concrète Pierre Schaeffer versucht, Geräusche nach ihren Eigenheiten zu klassifizieren. Jedoch bleibt jedes Geräusch, so ähnlich es einem anderen auch sei, ein Einzelphänomen, eine stets singuläre, einzigartige Klangerscheinung. Das steht der Formulierung eines musikalischen Systems grundsätzlich entgegen und begründet die Unbegrenztheit und Freiheit, die Christof Schläger für seine Arbeit in Anspruch nimmt. Schläger ist, im Gegensatz zumanchen anderen Instrumentenbauern, nicht daran interessiert, ein musikalisches System zu entwickeln. Die Konstruktion seiner Klangmaschinen und ihrer Klangwelten gehorcht diesbezüglich keinerlei Systematik. Schläger folgt seiner Intuition. Er konzentriert sich auf die Materialien und deren Klangeigenheiten, lässt sich von den Ergebnissen überraschen und entfaltet diese dann aus der konkret handwerklichen Arbeit heraus zu einer je bestimmten, detailliert ausformulierten Gestalt.


Entwürfe v.l.n.r.: Chromix, Typedrum, Knackdosen, Hopper, Klapperrappel und Sirenen

Der Künstler lässt sich von Klängen und Geräuschen inspirieren, die ihm in seiner Lebenswelt begegnen. Zum Bau fast jeder Klangmaschine weiß Christof Schläger ein Erlebnis zu berichten. Die Klangwelt, die dabei entsteht, ist von dieser Inspiration und auch vom Technischen ihrer Erzeugung inspiriert. Sie umfasst metallische Klänge, sirrende, schwirrende und pfeifende Geräusche, Klicksounds, Rasseln und Klingeln sowie durchaus auch Töne; beim „Schwirrer“ zum Beispiel tritt der Geräuschanteil hinter den Tonhöhenwert zurück. Diese Klang- und Geräuschcharakteristik ergibt sich aus der technischen Konstruktion der Klangmaschinen, jedoch ohne dass Christof Schläger mit ihnen technische Geräusche imitieren möchte. Ihre technische Anmutung bildet vielmehr eine symbolhafte, auch allegorische Dimension der Klangwelt, indem sie auf die Welt, in der wir leben, verweist. Darüber jedoch öffnet sich ein Erfahrungsraum, der den Eigenwert dieser Klänge betont und ihre Schönheit offenbart. In den Kompositionen Christof Schlägers mutieren die technischen Geräte und Klänge zu Gebilden einer Fantasie, die völlig Neues entstehen lässt.

Quelle: Urbane Rituale, Der Klangkünstler Christof Schläger. Verlag Hanno Ehrler, 2016